Die unrühmliche Geschichte der Pflanzensamenöle / The history of seed oils

in StemSocial9 hours ago

engl. summary: Around 1900, cotton seeds — once toxic waste dumped from booming cotton production — were industrially refined into edible products like Crisco in 1911. This paved the way for other seed oils (soybean, canola, etc.) to shift from agricultural or industrial surplus/waste into cheap, mass-produced cooking fats that largely replaced traditional animal fats in the 20th-century Western diet. This had a huge impact on health!

Liebe Leser,

es begann in der 2.Hälfte des 19.Jhds. in den USA. Bei der Baumwollernte entstanden Mio. Tonnen an Baumwollsamen - nahezu wertlos, da sie das giftige Gossypol enthalten, ein natürliches Pestizid in den Baumwollpflanzen. Bestenfalls wurden sie zu Lampenöl oder Schmieröl verarbeitet, aber der Großteil der Samen wurde einfach weggeworfen.

Um 1900 stellten Procter & Gamble Kerzen und Seifen her (der Gründer William Procter war Kerzenmacher gewesen und James Gamble Seifenmacher). Die Firme war auf der Suche nach billigeren Fetten (tierische Fette sind zunehmend teuer geworden) und alternativen Produkten, da die wachsende Beliebtheit der Glühbirne die Umsätze der Kerzen einbrechen ließ.
Daher kaufte P&G Baumwollölmühlen und verwendete das billige Baumwollsamenöl für ihre Kerzen und Seifen. Der bei P&G angestellte deutsche Chemiker Edwin Kayser entwickelte 1908 ein Verfahren, mit dem Baumwollsamenöl durch Hydrierung gehärtet wird (dabei werden zusätzliche Wasserstoffatome in die Fettsäureketten eingebaut, sodass das Fett bei normalen Lagertemperaturen eine feste Konsistenz behält und auch bei längerer Lagerung nicht ranzig wird).
Diese gehärteten Fette erwiesen sich zu deren Enttäuschung als nicht sehr brauchbar für Seifen. Da aber das gehärtete Baumwollsamenöl in Aussehen und Konsistenz an Schmalz erinnerte (das beliebteste Kochfett bis dahin und seit Jahrtausenden verwendet), entschied Procter & Gamble, es als Nahrungsmittel zu verkaufen!
Dazu musste es aber noch umfangreich verbessert werden, in einem aufwendigen Verfahren. Das Öl wurde mit chemischen Lösungsmitteln extrahiert und auf extreme Temperaturen erhitzt, um das giftige Gossypol zu neutralisieren. Durch diese Hitze bilden sich Transfettsäuren (um deren Bedenklichkeit - sie erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Fettstoffwechselstörungen - aber damals keiner wusste). Es wurde mit unter Druck stehendem Wasserstoffgas hydriert, chemisch desodoriert, um den ranzigen Geruch zu entfernen und auch noch gebleicht, um die graue Farbe zu entfernen. Und so wurde aus Industrieabfall ein Nahrungsmittel, das billiger war als das natürliche Schmalz.
Der Name Crisco leitet sich von „crystallized cottonseed oil“ ab. Es kam 1911 auf den Markt und war das erste rein pflanzliche Fett, auch heute noch ist es erhältlich.
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https://en.wikipedia.org/wiki/Crisco

Aber wer will schon chemisch behandelte Industrieabfälle essen? Die Herkulesaufgabe von P&G war, die Hausfrauen und Omas davon zu überzeugen, dass ihre traditionellen Fette Butter und Schmalz ungesund und rückschrittlich sind und diese hydrierte Baumwollsamenpaste die bessere Alternative! Das ging nicht von heute auf morgen, sondern dauerte Jahrzehnte.

Dazu verteilten sie kostenlose Kochbücher mit Rezepten, die speziell für Crisco entwickelt wurden und sponserten Kochvorführungen. Sie richteten sich auch spezifisch an die jüdische Gemeinden und bewarben Crisco als koscher.

Zunächst waren die Argumente eher Geschmack und Qualität.
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https://www.ebay.at/itm/195368689842

Erst nach dem 2. Weltkrieg dann der Coup: 1948 spendete Procter & Gamble der American Heart Association AHA (eine winzige Organisation mit einem Jahresbudget von 1700 Dollar) die Summe von 1,7 Mio. Dollar. 1961 veröffentlichte die AHA ihre ersten Ernährungsrichtlinie "Vermeiden Sie gesättigte Fette aus tierischen Produkten. Ersetzen Sie diese durch Pflanzenfette". Empfohlene Produkte: Crisco, Wesson und andere Samenöle. Der Interessenskonflikt war schon damals offensichtlich. Eine Organisation, die Gesundheitsempfehlungen herausgibt, wird von dem Unternehmen finanziert, das davon profitiert, wenn die Menschen diesen Empfehlungen folgen. Ein Präzedenzfall für die Vorgangsweise vieler Gesundheitsorganisationen seither (rate mal, welche Organisation festlegt, ab wann der Blutdruck zu hoch und daher behandlungsbedürftig ist und wer deren Hauptsponsoren sind).

In den Anzeigen suggerierten sie seither zunehmend, dass moderne, wissenschaftlich orientierte Familien Crisco verwenden, während rückständige Landbewohner Schweineschmalz verwenden.

Doch niemand schien sich daran zu stören. Zeitungen berichteten über die Richtlinien als sei es objektive Wissenschaft (und das tun sie heute noch). Ärzte gaben sie an ihre Patienten weiter. Regierungsbehörden übernahmen sie in ihre Politik. Industrielles Baumwollsamenöl, chemisch extrahiert und hydriert, wurde als „herzgesund” angesehen, während Butter als „arterienverstopfendes Gift” verunglimpft wurde.

Erst in den 1990er Jahren entdeckten Forscher, dass die durch die Hydrierung entstehenden Transfettsäuren wie die Omega-6-Fettsäure Linolsäure und andere PUFAs (polyunsaturated fatty acids) direkt Herzkrankheiten verursachen, insb. CHD (koronare Herzkrankheit, Coronary heart disease). Wie? Sie erhöhen, insbesondere nach Oxidation (Erhitzen, aber auch an der Luft, durch bloße Lagerung) den LDL–Spiegel, senken den (gesunden) HDL–Spiegel und sind pro-inflammarorisch, also chronisch entzündungsfördernd. Crisco in seiner ursprünglichen Zusammensetzung war besonders übel. Ab 2006 war die Evidenz dafür bereits so groß, dass die FDA Hersteller zwang, den Gehalt an Transfetten zu kennzeichnen.

Die Reaktion von Procter & Gamble: Crisco wurde an J.M. Smucker Company verkauft, die es überarbeiteten. Die partielle Hydrierung wurde durch eine komplette ersetzt (wodurch weit weniger Transfette entstanden), Baumwollsamenöl durch Palmöl und unhydrierte Pflanzenöle wie Sonnenblumen- oder Sojaöl wurden dazugemischt. 2007 wurden alle Crisco-Produkte so reformuliert, dass sie weniger als 1g Transfett pro Portion enthielten - ausreichend, um eine offizielle "transfettfrei"-Kennzeichnung zu bekommen. Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Gleicher chemischer Extraktionsprozess. Gleiche Hochtemperaturraffination. Gleiche Oxidationsprobleme. Nur ohne Hydrierung, damit die Transfette unter den gesetzlichen Grenzwerten bleiben.

Aber es gab nie ein Eingeständnis, dass ihr „herzgesundes” Produkt fast 100 Jahre lang aktiv die Krankheit mit verursacht hat, die es angeblich verhindern sollte. Obwohl es mittlerweile eine Fülle an Daten gibt, die die Schädlichkeit auch der reformulierten Produkte zeigt, hier ein Übersichtsartikel:

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https://openheart.bmj.com/content/5/2/e000898

Insbesondere die Oxidation von Linolsäure (die vor 1900 kaum in unserer Nahrung zu finden war, aber heute an die 10% der mit der Nahrung aufgenommenen Energie ausmacht!) ist sehr schädlich, weil sie sich in Zellmembranen integriert, wo sie über Jahre hinweg Entzündungssignale auslöst.
Dazu kommt das diffizile Verhältnis zwischen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren: Durch die "moderne" westliche Ernährung nehmen die Menschen deutlich mehr Omega-6- als Omega-3-Fettsäuren zu sich. Man schätzt, dass das Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 in der Nahrung der Menschen in der Steinzeit bei ca. 1-2:1 war, während der industriellen Revolution bei ca. 8:1, und heute an die 15:1 ist! Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass das ideale Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren bei hohem Konsum an Pflanzensamenölen nicht gegeben ist.

Heute sind Pflanzen(samen)öle aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken und in den Supermärkten findet sich kaum ein Nahrungsmittel mehr, das kein Rapsöl, Sonnenblumenöl, Sojaöl, Palmöl, Distelöl etc. enthält (und damit Linolsäure, die bei deren Herstellung entsteht). Warum? Weil sie billig sind und damit extrem profitabel. Und weil die Lebensmittelindustrie ein Jahrhundert lang alle davon überzeugt hat, dass sie gesund sind.
Olivenöl, das vorzugsweise kaltgepresst wird und sonst nicht weiter chemisch verändert, bildet hier die Ausnahme (ist aber auch weit teurer, daher in Convenience-Food kaum anzutreffen). Auch Leinöl, Avocadoöl und Kokosfett (zum Backen und Braten, da Olivenöl nicht erhitzt werden sollte) sind echte gesunde Alternativen.

Mit dem Siegeszug von Pflanzensamenölen geschahen zeitgleich zwei Dinge: Menschen wurden immer fetter und immer kränker - die sog. "Zivilisationskrankheiten" (als ob diese eine logische Folge von Zivilisiertheit sind!). Vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Demenz und Krebserkrankungen. Für all diese Krankheiten (insb. Krebs) gibt es natürlich eine Vielzahl von anderen Auslösern und in vielen Ländern gibt es auch gegenläufige Trends, da der medizinische Fortschritt sich laufend verbessert. Z.B. sind die Herz-Kreislauf-Erkrankungen von 1900 bis ca. 1960 stark angestiegen (zufälligerweise genau mit der Verbreitung der Pflanzensamenöle) und sind seither aber rückläufig, auch durch Fortschritte in den Medikamenten wie Blutdruck- und Lipidsenkern. Diabetes dagegen ist aber immer noch weltweit ansteigend.

Nicht förderlich ist es da, wenn klimawandelgläubige Influencer traditionelle Fette verteufeln und den Leuten noch mehr Pflanzenöle aufs Aug´ drücken wollen:
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Fazit:
Unsere Urgroßmütter kochten mit Schmalz, weil die Menschen dies seit Jahrtausenden taten. Dann kamen Procter & Gamble (und andere Hersteller nach ihnen), vermarkteten schädliche Industrieabfallprodukte als vermeintlich gesunde Alternative und verursachten damit eine der größten Ernährungsumstellungen in der Geschichte der Menschheit seit der neolithischen Revolution!
Ohne starken regulatorischen Druck (wie 2006 bei den Transfetten) wird sich die Situation nicht verbessern.
Welcher Hersteller würde schon freiwillig zugeben, einen solchen Schaden aus Profitgier verursacht zu haben und welcher Arzt, dass die Ernährungsempfehlungen der letzten 65 Jahre von Anfang an grundlegend falsch waren?

Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass noch immer PUFAs als gesundheitsfördernd angesehen werden von vielen, auch von "offiziellen" Stellen (Beispiel). Bildet Euch Eure eigene Meinung, aber traut nicht blind einer Organisation, von der Ihr nicht wisst, wer sie sponsert...

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Crisco
https://sciencefiles.org/2026/02/06/essen-sie-industriabfaelle-die-geschichte-der-samen-kernoele/

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Sehr guter beitrag! Leider ist schmalz und butter viel zu verteifelt geutzutage!
Ich greife aich gern zu kokosfett wenns dann vegan sein muss haha wer hat nicht veganer in seinem umfeld heutzutage haha

Heftig, bin aus diesem Grund privat auf Olivenöl umgestiegen, leider enthalten so viele Produkte die schlechten Seed Oils und die meisten Gastros verwenden die mit ziemlicher Sicherheit auch, um Geld zu sparen.

Ja, so gesehen sollte man nicht oft auswärts essen, und wenn, dann nichts Frittiertes.

Reading the history of how they had to chemically bleach and deodorize the grey sludge just to make it edible is enough to make anyone lose their appetite.

Wir verwenden meistens kalt gepressten Olivenöl und Schmalz, aber wir frietieren fast nie was, nur einmal in Monat einen Schniezel, ansonsten wird viel Ofen gebacken.

👍🏻

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